Wie viel "Ich" ist gut für die Welt?

Der Mensch ist doch ein Rudeltier, oder nicht? Warum leben die meisten Menschen in engen Großstädten? Warum wollen alle Teil der ganz großen Communities wie Facebook und Co sein? Warum sind in Deutschland Vereine so beliebt und warum gehen die meisten lieber ins Stadion statt zuhause Sport im Fernsehen zu schauen, wo man auch was sieht und nicht nur Gebrüll im Ohr hat? Das mit der Single-Gesellschaft ist doch Quatsch.

Schaut man sich aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamts an, dann steht da: „In der Großstadt lebt jeder dritte Deutsche allein, in kleineren Städten jeder fünfte.“ Das ist doch Wahnsinn. Man lebt allein und sucht dann ständig und überall nach Gemeinschaft – Häh? Warum so kompliziert? Andererseits heißt es ja auch überall „Nimm Dich ernst“, „Tu Dir was Gutes“, „Sei auch mal ein bisschen Egoist“ etc. Vor allem die Werbung sagt ja, dass man nur nach den ganz individuellen Bedürfnissen leben soll. Aber was ist, wenn man dann mal Hilfe braucht?
Ich habe immer das Gefühl, dass für viele immer nur das Extreme geht. Man kann aber doch auch in der Gemeinschaft noch eigenständig sein. Man kann doch eine Großpackung Kekse auch teilen und trotzdem satt werden statt für die kleine einen teuren Single-Sonderpreis zu zahlen und dann alleine und unglücklich mampfen – nur weil man dann unabhängig von allen anderen ist. Oder nicht? Teilen macht doch Freude oder bin ich jetzt voll blauäugig?

Ich will jetzt gar nicht so sprechen bzw. schreiben als könne man nur in der Großkommune ohne eigenen Besitz und so glücklich werden. Das ist auch Quatsch, denn das wäre ja das andere Extrem und wahrscheinlich für die meisten von uns auch ungesund. Wir haben ja das Besitzdenken so gelernt und es macht ja auch Spaß und zufrieden, eigene Dinge zu besitzen, die keinem anderen gehören. Aber auch Dinge geschenkt zu bekommen bzw. gegen andere zu tauschen, macht glücklich – auch wenn es ein Tausch gegen einen schönen Abend oder auch mal das gegenseitig Helfen ist.
 In der „Zeit“ war in der letzten Ausgabe so ein schöner Artikel über gute Nachbarschaft und da dachte ich mir, dass es das genau ist, was man heute braucht: Gute Nachbarn, die man mal um einen Gefallen bitten kann – ohne dass die gleich eine direkte Gegenleistung oder etwas vom Abendbrot oder so abhaben wollen. Reichen muss doch eigentlich die Garantie, dass man selbst das gleiche tun würde.

Warum tun sich eigentlich so wenige zusammen, um die Blumenerde im Baumarkt im 100-Liter-Sack zu kaufen, der nur die Hälfte kostet? Und warum teilen sich in der Großstadt so wenige ein Auto? Warum putze ich nur mein Fahrrad statt auch das meiner Freunde gleich mit, wenn ich schon mal dabei bin? Und warum backt mir keiner einen Kuchen mit, wenn er schon beim Backen ist?

Ich fände es so toll, Leute zu finden, die Extreme auch so hassen wie ich. Der Kompromiss ist doch eigentlich (fast) immer die beste Lösung. Und damit meine ich eben genau einerseits das Obengenannte und andererseits dass ich nicht immer alle Fahrräder putzen will und nicht immer Kuchen mag, aber dass man diese Wege doch mal mitdenken oder anbieten könnte. Ich bin auch gerne mal allein, aber doch nicht grundsätzlich. Und ich packe mir auch öfters mal eine Feuchtigkeitsmaske aufs Gesicht, die Füße in eine Schüssel mit warmem Wasser und mache tolle Musik an, aber trotzdem muss ich nicht ständig laut vor mich hinsagen „Ich tue was für mich, weil ich es mir Wert bin“ oder so einen anderen Psycho-Quatsch.
Es ist doch auch in einer Beziehung – egal ob Partnerschaft, Freundschaft oder Familie – so, dass man einerseits eine Gemeinschaft bildet und andererseits man selbst bleibt. Wenn das nicht klappt, dann klappt auch nichts Weiteres mit dieser Beziehung. Davon bin ich hundertprozentig überzeugt und das ist meiner Ansicht nach auch der Grund, warum Beziehungen scheitern: Die Extreme. – Sprach Partnertherapeutin Jana T.
Das ist so schwierig und natürlich muss das auch jeder für sich wissen. Ich finde Raclettegeräte mit einem Pfännchen aber auf jede Fall extrem traurig – das habe ich wirklich im Laden gesehen und ich hätte beinahe geweint. Genauso finde ich aber auch Statistiken erschreckend, die zeigen, dass den (westlichen) Gesellschaften die Individualität über alles geht. Natürlich ist jeder individuell und keiner möchte sich austauschbar fühlen, aber müssen wir das immer so betonen? Ich grüble und suche weiter…….

Mit meinem Titel meine ich übrigens nicht mich selbst. „Ich“ steht für das bei vielen all zu große Ego und nicht für mich. Wer mein Ego hier zu stark findet, der kann ja weglesen, denn ich hoffe, ich bin hier noch zu ertragen.

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