Größenwahnsinnig

Die einen wollen aufs Land, die anderen in die Stadt. Die nächsten ans Meer und wieder andere in die Berge. Dann gibt es noch die typischen Mieter und die Hausbesitzer, die Autofahrer und Fußgänger, die Couchpotatos und die Partypeople. Ich dagegen kann mich nie entscheiden.
Ich liebe die Großstadt. Die Menschen hier, die vielen Möglichkeiten und ständigen Ablenkungen vom Wesentlichen. Gerade in den letzten Tagen habe ich es richtig genossen im Spätsommer mit dem Fahrrad stundenlang durch Häuserschluchten zu fahren und scheinbar nie ans Ende der Stadt zu gelangen. Immer weiter und weiter Berlin.
Seltsamerweise ist es aber nur ein paar Tage her, da dachte ich noch daran, wie schön es wäre in der ödesten Pampa in Mittelitalien in einem Dorf weit weg von allem mit nur ein paar hundert Einwohnern zu leben und von allem anderen nichts mit zu bekommen.
In genau so einem Dorf war ich zum Gleitschirmfliegen: Castelluccio. Ein Ort, an dem die Menschen ganz besonders alt werden, weil sie hauptsächlich Linsen und gutes Olivenöl zu sich nehmen und vor allem, weil sie so etwas wie Stress gar nicht kennen. Sie sind genügsam und glücklich – zumindest scheint es so, wenn man als deutscher Tourist dorthin kommt.
Es war eine entzückend andere Welt als hier. Krasse Gegensätze auf den ersten Augenblick, aber für mich war beides erfüllend. Erfüllend wie unser einziger Tag am Meer und der nächste in den Bergen. Von 0 auf 2000 Meter über dem Meeresspiegel.
Erzähle ich jetzt von den Erlebnissen, bemerke ich bei meinen Zuhörern ganz schnell, für welche Seite sie sich entschieden haben. Die einen fangen direkt an vom Häuschen im Grünen zu schwärmen oder vom Leben am Meer bei immer gutem Wetter. Die anderen wollen Berge, Wandern und Aktion, immer Aktion. Oder sie sind die Verfechter der Stadt, finden die Landidylle spießig und im Urlaub brauchen sie Kunst, Kultur und eine feste Infrastruktur – bloß keine Übernachtung im Freien.
Plötzlich heißt es Position beziehen. Wo kommt man her, wo will man hin? Sich hierbei festzulegen ist schwer, aber es wird jetzt überall gefordert. Beruf oder Freizeit? Kind oder Karriere? Stadtmief oder Landei? Verdammt noch mal ich weiß es nicht und ich will es auch gar nicht wissen. Dann müsste ich mich ja entscheiden: Für etwas und auch gegen etwas. Das „gegen“ fällt mir besonders schwer.
Kennt Ihr den schönen Song von Judith Holofernes „Ich will alles“? Manchmal komme es mir so vor und manchmal größenwahnsinnig und überfordert zugleich.
Ich glaube, dass es den meisten einfach Sicherheit gibt, wenn sie so tun als ob es immer nur eine Lösung und eine Möglichkeit für alles gibt. Wenn sie so tun, als hätten sie alles im Griff. Aber ich glaube auch, dass die meisten Entscheidungen, die scheinbar getroffen werden, nur Zufälle sind und einfach passieren und nicht immer bewusst geplant werden. Die Angst sich für das falsche zu entscheiden und deshalb lieber gar nichts zu wählen und es einfach passieren zu lassen, kennt doch jeder, oder nicht? 
Dann gibt es da noch das andere Gefühl: dieses jetzt endlich alles mal in die Hand nehmen wollen und so. „Jeder ist seines Glückes Schmied“ etc. Immer mal wieder packt es auch mich und dann denke ich, dass ich jetzt bald wissen muss, wie mein Karriereweg aussieht, wann ich schwanger werden will und ob Deutschland der richtige Ort zum Leben ist. Aber Bullshit!
Genau dann fängt man nämlich an im Ausschlussverfahren zu handeln und nicht mehr nach rechts oder links zu schauen. Der Tag hat 24 Stunden und alles was da rein passt, passt eben rein – mal mehr, mal weniger. Und Gegensätze können auch Spaß machen. Ich glaube, ich brauche Gegensätze und manchmal auch den Kopf in den Wolken.
Das hier ist übrigens nur italienischer Nebel.


2 Gedanken zu „Größenwahnsinnig

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