"Ich bin doch nur ein kleiner Opportunist"

Toleranz ist super. Jeder soll so leben, wie er glücklich ist. Jeder soll seinen ganz individuellen Weg gehen und dabei möglichst niemanden unglücklich machen – alle happy, na super! Klingt gut, ist aber gelogen.
Wer würde schon von sich selbst sagen, dass alles gut läuft. Dass nichts weh tut, man ausgeschlafen hat und satt ist und genug verdient und tolle Freunde hat und nette Nachbarn. Irgendetwas zum Meckern fällt uns doch immer ein – auch wenn es nur das Wetter ist.

Wer keine Probleme hat, der macht sich welche. „Zugeschaut und nachgebaut“ – dieses Prinzip klappt doch immer, ob Streit, Krieg oder Gewalt. Die Inspirationen lauern überall und werden sogar noch teuer bezahlt (siehe Hollywood und Co). Der Mensch strebt meiner Meinung nach heute nicht mehr nach Glück und Zufriedenheit, sondern nur noch nach Unterhaltung. Und diese bitte passiv: Beine hoch, auf Knöpfchen gedrückt und bääääaang!

Wo ist mein Psychiater?

„Leben und vor allem (oder nur noch) leben lassen“ lautet das Motto der „Generation Wohlstandsproblem“. Aber wenn etwas nicht so läuft wie es soll, wenn es schlecht läuft und man selbst unzufrieden ist, muss man doch etwas tun und nicht nur bei anderen zuschauen. Wenn wir wirklich so unzufrieden sind wie wir alle immer tun – und so ratlos – dann muss man sich doch Hilfe holen. Und damit meine ich nicht einen Psychiater oder die Polizei.

Aber nein, wie motzen und maulen lieber vor uns hin. Und dann sitzen wir es aus und lassen die anderen mal machen. Dass Bewegungen wie Occupy und die Demos bei Stuttgart 21 so groß in den Medien sind, ist kein Zeichen für mehr Aktivismus. Es sind Minderheiten, die sich trauen, laut zu werden und nicht die Mehrheit unserer Generation. Sie sind unser Alibi.

Unser Alibi, weil die „Generation“ oder „Deutschland“ oder die „Bürger“ wieder mehr Demokratie und Mitbestimmung wollen. Obwohl wir das nur im Fernsehen sehen und in der Zeitung lesen, fühlen wir uns „dagegen“ – dabei sind wir doch eigentlich nur stinkend faul. Und wir motzen weiter über die eigene schlechte Situation. Sich über schöne Dinge zu unterhalten, sich mal zu freuen, mal einfach zuzugeben, dass es uns gut geht, das wäre ja zu einfach. Weltschmerz, wo bist Du? Ohne Dich …. ach ist das alles ungerecht!

Aber wahrscheinlich geht es gar nicht um schöne Dinge oder hässliche. Es geht darum zu wissen, wer man ist und wo man steht. Und dann genau dazu zu stehen. Boah, wieder anstrengend. Da rennen wir ständig ins Fitnessstudio und durch den Wald und noch immer fordert jemand Anstrengung. Los beweg’ Dich!

Saufen, saufen, saufen …..

Haben unsere Eltern noch von langen Nächten mit Wein und ausgiebigen Diskussionen über Gott und die Welt geschwärmt, so kennen wir nur noch den Wein – ohne Diskussion und ohne Meinung. Die Meinung kann man sich doch im Fernsehen anschauen und im Netz lesen, hören, sehen und so. Da braucht man doch keine eigene. Oder? „Die ganze Welt dreht sich um mich, denn ich bin nur ein Opportunist“ so (oder so ähnlich) heißt es doch so schön. Wenn ich nicht querschieße, dann schießt auch keiner auf mich. Super – und wieder die Füße hoch.
Aber wofür lohnt es sich, eine Meinung zu haben? Was ist mir wichtig und was bringt dabei auch noch den anderen etwas? Menschen, Tiere, Pflanzen, Umwelt, Armut, Krankheit, Gewalt? Die Welt ist doch schlecht, soooo schlecht. Wir sollten lieber Weihnachtskekse backen und über die ganzen armen Kinder weinen, die jetzt wieder Karten bemalen, die bald mit einem Spendenaufruf in unseren Briefkästen liegen.
Es ist doch immer wieder dasselbe – jedes Jahr und Jahr für Jahr. Aber es ändert sich nicht, weil wir nichts ändern. Aber wie? Wie können wir etwas ändern und wo anfangen?

Brief an meinen Schweinehund

Es heißt doch immer, dass jeder im Kleinen anfangen muss. Aber ganz klein gedacht, ist das doch bei uns selbst. Ist es nicht egoistisch, wieder nur an sich selbst zu denken. Werden wir nur aktiv, wenn es um uns selbst geht? Motiviert nur purer Eigennutz?
Ich finde, dass wir einfach mal anerkennen müssen, dass es uns hier verdammt gut geht. Vielleicht bleibt ja ein bisschen mehr Energie für andere übrig, wenn wir keine mehr für das Meckern verschwenden?
Das hier ist sozusagen ein Brief an meinen ganz eigenen Schweinehund.

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