Der große Weihnachtsbluff

Ich hasse Weihnachten. Ich mag keine Lebkuchen, keinen Glühwein und in meine Wohnung kommt auch kein Weihnachtsgestrüpp oder gar irgendwelche Sternchen und Glitzer. Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb. Was für ein Riesenbluff, jedes Jahr von neuem.
Warum spielen wir das ganze Theater immer wieder mit? Warum tun alle plötzlich so, als könnten Lametta und Co. alles verstecken, was sonst so nervt. Und schwupps ist die heile Welt da und schwupps wird nicht mehr auf den Macken der anderen rungehackt und schwupps hat man Mitleid mit denen, die nicht so viel geschenkt bekommen, die nicht im Warmen feiern und keinen fetten Braten haben. Was für eine scheinheilige Nacht.
Auch wenn ich das Getue um Weihnachten noch nie mochte, fände ich es grundsätzlich in Ordnung, wenn es länger als drei Tage anhalten würde. Und ich beziehe mich dabei nicht auf die ganze große, gemeine und grausame Welt, sondern nur aufs Hier und Jetzt, auf Freunde und Familie und das Miteinander im Kleinen.

Wir sind alle gekauft

Nur weil Weihnachten ist, muss ich doch Menschen, die ich von Grund auf nicht leiden kann, plötzlich lieb haben. Anders herum kann ich doch diejenigen, die mir ganz fest im Herzen sind, auch einfach mal so beschenken. Ohne Grund und Anlass und nur, um ihnen damit eine Freude zu machen. Ich habe doch an anderen Tagen im Jahr auch mal gute und mal schlechte Laune. Aber warum nicht an Weihnachten?
  
Auf Knopfdruck soll dann immer alles schön sein. Immer ein Baum, immer dasselbe Essen, immer alle gut drauf. Scheiße! Das ganze Lametta ist doch eigentlich Sondermüll und nach nur ein paar Wochen (Advent einbezogen) muss man die ganze Wohnung wieder umdekorieren. Alles nur eine Verkaufsmasche und wir fallen immer wieder drauf rein. Wir sind doch alle gekauft – ob Weihnachten, Ostern oder Valentinstag, ob Süßwarenindustrie, Eierlobbyisten oder Blumenfräuleins.
Wenn man sich mal überlegt, wie viel Energie diese ganzen Vorbereitungen kosten, dann ist auch klar, warum man an den Tagen sooooo viel Essen muss. Man betäubt damit einfach alle (meistens enttäuschten) Gefühle und Erwartungen. Dann noch ein ordentlicher Schnaps darauf und schon singen die Engel. Super!

Wieder Blödsinn

Das gleiche, was das Liebhaben und das Schenken betrifft, gilt übrigens auch für das Besuchen. An Weihnachten kommen alle zusammen und dann sieht man sich eeeendlich wieder. Wenn man sich aber doch über das Jahr sooooo vermisst, kann man doch auch zwischendurch mal Kontakt haben und sich besuchen oder so. Aber nein, auch hier lassen wir uns fremdbestimmen: von den Urlaubszeiten, die der Chef vorgibt, vom Wetter, von dem, wie es eben immer ist und weil man sich ja an Weihnachten sowieso sieht. Wieder Blödsinn.
Gut, dass nach Weihnachten und nach dem großen Umtauschstress der Geschenke (warum kauft sich nicht gleich jeder selbst etwas und alle sind glücklich?) Silvester kommt. Denn da trifft man dann meistens genau die Leute, mit denen es wirklich entspannt ist und wenn der Frust von Weihnachten zu groß ist, lässt man eben so richtig die Sau raus. An Silvester geht das, da ist so etwas üblich.
Hat denn heute eigentlich keiner mehr ein bisschen Gefühl ohne Tradition und ohne Kaufrausch?  Oder brauchen wir das große Schauspiel von Friede, Freude, Eierkuchen wirklich?
Habe ich es schon erwähnt? Ich hasse Weihnachten.

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