Kopfkino ohne Ende

Wie viel wissen? Wen kennen? Und worüber informiert sein? Worauf vorbereiten? Was planen? Und wann abschalten? In meinem Kopf herrscht Chaos und die Vorsätze für das kommende Jahr kämpfen miteinander. Bin ich zu langsam und die Welt zu schnell, oder umgekehrt. Der Rhythmus stimmt nicht.
Kennt Ihr das Gefühl, morgens aufzuwachen und mit Herzklopfen an den gerade beginnenden Tag zu denken und dabei fast zu schweben? So viele Ideen, so viel zu tun, um die Welt besser zu machen, um erfolgreich, berühmt und reich zu werden. Wow! – Meistens drehe ich mich dann wieder um und schlafe erschöpft nochmals ein.

Dann kommt die Angst und alles platzt wie eine Seifenblase: „Das schaffe ich nicht!“, „die Ideen hatten andere schon“ und „das will doch keiner von Dir hören, sehen, essen oder kaufen“. OK, dann eben alles weiter genauso wie immer und dabei die große Erkenntnis gesucht, dass das ganz normale Leben auch schön sein kann!?

Häh, wirklich?
Was ist denn das „ganz normale Leben“? Wer lebt es und wo gibt es die Vorgaben dafür? Hat jemand eine Gebrauchsanweisung und kann sie mir borgen?
Standardmodell wie sie Wohnberater, Soziologen oder Trendforscher definieren, sind auch nur unterm Reagenzglas entstanden und nicht in der harten, realen, dreckigen Welt da draußen. Standard gilt also nicht und Orientierung findet man nur noch im Familienalbum. Vorbilder sind heute tabu.
„Sei individuell, kreativ und finde deinen eigenen Weg“ – heißt es heute nur noch (am besten natürlich vorgegeben durch einen superteurer Wohnberater, Trendforscher oder Lebenshelfer, oder so). Klingt gut. Bringt mich aber irgendwie dazu, darüber nachzudenken, alles hinzuwerfen und mich für einen Job an der Supermarktkasse zu bewerben. So ein Job, ohne die ganze Selbstverwirklichungsmasche.
Der Gedanke wirkt entspannend – zumindest für einen Moment. Dann kommt wieder das Kopfkino und das Herzklopfen: Wie viel wissen? Wen kennen? Und worüber informiert sein? Worauf vorbereiten? Was planen? Mit was fange ich an? Was ändere ich oder ist eigentlich alles schon ganz richtig?
Kann mir das mal jemand sagen? Eigentlich läuft doch alles prima, oder nicht? Warum weiß ich das dann aber selbst nicht? Im Prinzip läuft alles doch immer wieder auf die eine Frage hinaus: Was ist wirklich wichtig im Leben? Und wann sollte man das für sich selbst wissen und den Weg dorthin festlegen? Aber gibt es nur einen Weg?

Auszeit

Man darf sich selbst und alles was dazu gehört einfach nicht sooooo ernst nehmen. Mal runterkommen und einfach leben, oder?


Gerade wenn man einen nicht so festgelegten Job hat, wenn man im Prinzip kreativ arbeitet und viele Freiheiten hat, nimmt man sich aber automatisch sehr wichtig. Da heißt es immer man muss sich selbst gut vermarkten können und so. Mit der „Meconomy“ hat alles angefangen und nun muss man als Journalist twittern und ständig etwas möglichst Sinnvolles posten und bloggen (J) – gerade wenn schon wieder die nächste Medienkrise anrollt und die wirklichen „Digital Natives“ zur großen Konkurrenz werden.

Ist das dann noch kreativ?

Kann man Kreativität auch kaputt denken?


Ich frage mich immer, wie viel mit und wie viel man gegen den Strom schwimmen muss. Wie vernetzt, online aktiv und ideenübersprudelnd muss man in einem kreativen Job sein, wenn man damit vorankommen will? Und wie viel kann man einfach auf sich zukommen lassen?

Ein Wettbewerb jagt den nächsten. Auszeiten – sei es für ein wenig Freizeit, fürs Nichtnachdenken oder gar den Gedanken an eine Familie (und Dinge, die vielleicht wirklich wichtig sind im Leben) – kann man getrost vergessen. Andererseits heißt es doch immer wieder, dass genau das zu bahnbrechenden Ideen führt und dass der wahre Künstler genau diese Auszeiten braucht. Aber gerade in Zeiten der großen Konkurrenz ist die Bezeichnung „Künstler“ doch fast schon ein Synonym für „im Leben gescheitert“, oder?
Woran bemisst sich Karriere? Doch nicht nur am Geld oder am Bekanntheitsgrad oder an der Menge an Mails, die man jeden Tag bekommt. Eigentlich doch nur an der Zufriedenheit? Und die kann doch bei jedem Menschen auf ganz unterschiedliche Wege entstehen – durch Staubsaugen genauso wie durchs Bücherschreiben. Oder nicht?
Super Selbsterkenntnis: der Weg ist mal wieder das Ziel. Aber wie schafft man es, das ewige Kopfkino dabei einfach mal auszuschalten? Auf Knopfdruck klappt weder Entspannung, Abschalten, noch Kreativ sein! Dann eben Lavendelöl, Yoga und Absinth trinken. Oder gibt es Besseres?
Ich sollte wohl einfach mal an mein Horoskop glauben. Nach langem Suchen habe ich nämlich ein passendes für 2013 gefunden. Laut schicksal.com könnte meine ausgiebige Umbruchphase von 2012 bald ein Ende haben!

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