Luxusprobleme

„Wir rennen hektisch herum, suchen nach einem warmen Plätzchen im Leben und tun nichts. Wir reden nur furchtbar viel.“ Sind unsere Sorgen und Ängste nur Fassade einer riesigen Langeweile? Sind es Luxusprobleme?
„Wenn wir mit unserem Leben zufrieden sind, wissen wir doch auch bestens wie man schweigt.“ Sind wir ewige Meckerer, weil wir uns nicht trauen glücklich zu sein? Kann es uns denn schlecht gehen in einem so sicheren Land wie Deutschland und einer so modernen Welt wie das 21. Jahrhundert sie uns bietet?
„Nur mit unserem Schmerz gehen wir hausieren.“ Warum sind die Bücher so voll von persönlichen Schicksalen, warum die Medien so überbordend mit Klagen, mit Skandalen und schlechten Menschen, die falsche Entscheidungen treffen?
Zitate, die 1904 entstanden. In Russland, bei Ärzten, Juristen und Dichtern – der Oberschicht der damaligen Zeit, der Intelligenz. Und trotzdem treffen sie den Kern, hier, jetzt, heute, bei einigen und vielen. Zitate aus dem Stück „Sommergäste“ von Maxim Gorki.
Ich habe es in der Schaubühne gesehen und war erstaunt über das Hier, Jetzt, Heute. Es passt so und ich renne genauso hektisch herum und meckere.
Kurz danach – vom Schauspiel zum (banalen) Fernsehen – in einer Talkrunde im ZDF das Thema: „Ausgepowert, ausgelagert, ausgebeutet -macht Arbeit krank?“ Und wieder die Frage, ob wir immer nur über Luxusprobleme klagen?
Da behauptet einer, dass Burnout nur eine Modeerscheinung ist. Der nächste sagt, dass wir uns die langen Arbeitswege und die Dauererreichbarkeit über Handy und Smartphone selbst aussuchen und deshalb selbst dafür verantwortlich sind. Ich schaue im wahrsten Sinne des Wortes in die Röhre.
Zurück zur Oberschicht, zu den Luxusproblemen: Wer keine Probleme hat, der macht sich welche. Ist es schon so weit? – So ein Schwachsinn wird auch immer nur von denen verbreitet, die genug Geld haben, um ihren Stress auszulagern – Outsourcing für den Seelenmüll sozusagen.
Natürlich kann heute jeder grundsätzlich frei entscheiden, wie, wo und wie viel er arbeitet. Aber was ist denn schon „grundsätzlich“? Es gibt so viele, die eben nicht frei entscheiden können und für sehr wenig Geld arbeiten gehen. Es gibt kranke Menschen und Menschen, die sich für andere einsetzen und genau deshalb Stress haben.
„Grundsätzlich“ sucht doch wirklich jeder nur nach einem warmen Plätzchen im Leben und „grundsätzlich“ haben wir im Weltmarktführer-Wunderland Deutschland auch immer eine soziale Hängematte, die uns auffängt. Und deshalb sind das alles auch irgendwie Luxusprobleme. Aber „grundsätzlich“ ist das Leben eben nicht.
„Jeder will sein Stück vom Glück für sich selbst behalten.“ Und hier liegt vermutlich der Fehler. Wir müssen anfangen statt dem Frust und den schlechten Nachrichten auch mal die Freude zu teilen. Das Leben macht doch so viel Spaß. Wer will denn da nur faul herumliegen und von Liebe, Lust und dem warmen Plätzchen träumen? Suchen wir lieber danach – ohne zu meckern!

Die „Zeit“ nennt das Stück in seiner Kritik übrigens „Unser momumentales Nichts“ – gut getroffen.

Dass man die eigene Leidensfähigkeit nicht so ernst nehmen sollte, zeigt in der aktuellen Inszenierung ein Darsteller besonders gut: Ein Hund, der das ganze Stück über mit dabei ist. Er rennt umher – ganz ohne Hektik – und sucht etwas zu fressen. Er legt sich hin, wenn es müde ist und lässt sich kraulen, wenn er gerade Lust dazu hat. Einfach frei Schnauze.

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