Oh holy shit!

KungelnKurz vor Weihnachten zeigt sich die Leistungsgesellschaft von ihrer Schokoladenseite. Da werden To-do-Listen abgearbeitet, Pläne aufgestellt für das nächste, erfolgreiche Jahr und alle die Bilanz ziehen, möchten möglichst die anderen übertrumpft haben.

Nicht falsch verstehen: Ich habe auch genau solche Listen vor mir. Aber gleichzeitig geht mir der ganze Wettlauf mächtig auf den Zeiger. So wirklich ändert sich zum Jahresende doch auch nur eine Zahl mehr im Datum und sonst nix. Und der Vorweihnachtsstress, der als dicker, fieser Virus gerade um sich greift, ist doch irgendwie auch hausgemacht.

Wer wirklich etwas verändern möchte, sollte sofort damit anfangen – heißt es immer so schön. Egal welches Datum, egal wer etwas dagegen hat. Können wir dann mal bitte mit dem ganzen Wettrennen aufhören, das scheinbar kein Ziel hat?

Wer schreibt uns eigentlich vor, dass wir vor Weihnachten noch die Wohnung bis in alle Ecken geputzt, alle lange nicht mehr gesprochenen Freunde angerufen, neue Klamotten gekauft, Geschenke (möglichst groß, viel und teuer) besorgt, alle liegengebliebenen Rechnungen und andere Formalitäten erledigt, den Job so versorgt, dass man die Feiertage möglich frei hat, und dazu noch neuen Pläne für das kommende Jahr geschmiedet haben muss, die man dann bei allen anstehenden Familien- und Freundesteffen gleich verkünden kann? Nur, weil das scheinbar alle so machen oder es einem die ununterbrochen hereinplatzenden Newsletter und Pseudo-Weihnachtsbriefe von Versicherern, Apotheken und Co versuchen einzuhämmern: „Zehn Tipps fürs perfekte Weihnachtsessen“, „So bereiten Sie sich auf das neue Jahr vor“, „Das hilft gegen Völlegefühl“,….

Oh ja, machmal würde man sich da schon gerne über…..

Aber nicht nur das. Ich weiß, dass ich mit meiner Multi-Job-Konstellation natürlich besonders anfällig dafür bin, dass an allen Ecken und Enden die Reste des Jahres abgearbeitet und das neue vorbereitet werden will (selber schuld könnte man sagen (und es auch so meinen)). Ich möchte aber nicht nur das Tatsächliche ansprechen, das die To-do-Listen faktisch belegen, sondern das Gefühl und die Stimmung, die sich so durch die Gesellschaft zieht. Auch wegen der Politik und so.

Die Große Koalition ist nun im Amt und die Diskussionen rund um den dazugehörigen Koalitionsvertrag gehen meiner Meinung nach genau in die Richtung von noch mehr Wettbewerb. CDU = Wer hat, dem wird gegeben. SPD = Wer sich anstrengt, bekommt auch ein bisschen was ab. Super! Renne los und immer weiter. Hauptsache, Du rennst.

Natürlich soll Leistung belohnt werden, aber haben die Herren und Damen vielleicht auch mal ein wenig darüber nachgedacht, dass es auch Menschen gibt, die nicht so viel leisten können (aus welchen Gründen auch immer) und dass nicht alle Menschen gleich sind und ganz nach oben streben, sondern einfach nur gut leben wollen und ein bisschen Spaß im Leben haben? Wenn das Höher-Schneller-Weiter (wobei wir doch eigentlich schon von dem meisten genug haben) zum Standard wird, kann es am Ende doch nur Verlierer geben. Unterschied Mensch – Maschine, schon mal darüber nachgedacht?

Ich will hier auch gar nicht grundsätzlich über den Fortschritt meckern, aber momentan scheint es mir, als wären die ganzen „nachhaltigen“ Ansätze vergessen, die es einst gab. Die Energiewende und mit ihr die Umwelt gehen den Bach runter, Rente und Co wird unser eins sowieso nicht mehr bekommen, Jobs gibt es zuhauf vor allem im Niedriglohnbereich, unser Essen ist so chemisch verändert, damit wir erst gar nicht auf die Idee kommen nachzufragen, was da wir vor uns haben und für Privatleben bleibt keine Zeit, weil man ja an der Karriere schraubt.

Bitte mal innehalten und fragen, warum und wo das Ganze hinführen soll. Wer dann einen klaren Plan hat, Ziele und das Wissen, dass es gut ist, darf weiterrennen. Wohin? Wohin er möchte, nur nicht einfach hinterher.

Was heißt denn Karriere? Für den einen der Vorstandsposten, für den anderen der eigene Laden, für den nächsten die Beamtenstelle von 9 bis 17 Uhr, für den nächsten die Familie und für andere einfach was anderes oder auch gar nichts. Das muss doch ok sein dürfen – ohne dass einem dann jemand anderes das vorhält.

Und es muss auch ok sein dürfen, wenn man keine Vorsätze (sorry, ich meine Businesspläne) fürs nächste Jahr hat. Vielleicht ein paar Träume und Wünsche und vielleicht Lust, diese aus eigener Kraft zu verwirklichen. Oder auch nicht. Ich weiß noch nicht, was so kommt und bin gespannt – ganz privat und was sich da gesellschaftlich so tut.

Wer mal ein bisschen abschalten will vom Wettkampf, kann ja mal wieder was lesen. Hier zwei Buchtipps, die mich ein bisschen abgelenkt haben in der vergangenen Zeit: Sven Regener „Magical Mystery“ und Rocko Schamoni „Tag des geschlossenen Tür“ – denn manchmal muss es eben der scheinbar normale (menschliche) Alltag sein.

Die Schokoladenseite der Weihnachtstage (das meine ich nicht im übertragenen Sinn) und der letzten Tage im Jahr kann man auch genießen. Sogar wenn man Weihnachten an sich nicht mag, so wie ich. Keks und Co sind aber dafür ganz in Ordnung!

Noch was zum Foto: Wie ihr oben seht, geht der weihnachtliche Erfolgsdruck schon auf die Büsche über. Sie wären ach so gern so schön wie Weihnachtsbäume.

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